Deutschland und die Welt Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2003, Nr. 264, S. 11


Schön, schöner, geschönt
Der Fotograf Thomas Wolfgang Klein macht aus jeder Frau und jedem Mann ein Model / Von Peter-Philipp Schmitt
 
WIESBADEN, im November. Schöne Frauen gibt es eigentlich nicht. Das belegen zahllose Studien - und nicht nur aus Amerika. Irgend jemand hat doch immer etwas auszusetzen. Selbst sogenannte Supermodels sind stets mit mindestens einer Stelle ihres Körpers unzufrieden. Die wenigen Frauen aber, die mit sich im reinen sind, würden sich trotzdem nie als schön bezeichnen. Die Ansprüche sind hoch, und sie werden noch höher, je erwachsener eine Frau und auch mancher Mann wird. Mehr als die Hälfte aller dreizehnjährigen Mädchen mögen ihren Körper schon nicht mehr, mit siebzehn sollen es bereits fast 80 Prozent sein. Kein Wunder, daß vier von fünf Frauen unter 30 sich einer Schönheitsoperation unterziehen würden, um mit ihrem Aussehen zufriedener zu sein (Forsa befragte 2000 Frauen im Alter von vierzehn bis 60 Jahren). Männer dürften an diesen erschreckenden Umfrageergebnissen nicht ganz unschuldig sein: Zwar sollen neun von zehn Männern mit sich selbst ganz zufrieden sein, 70 Prozent von ihnen interessieren sich aber vor allem für eins: schöne Frauen. Einer der Gründe, sagen Mediziner, warum Männer im Durchschnitt sieben Jahre früher als Frauen sterben: Sie kümmerten sich mehr um das andere Geschlecht als um ihre Gesundheit.

Thomas Wolfgang Klein hält sein Versprechen: "Auf unseren Fotos sehen Sie gut aus." Und nicht nur das: Mit Make-up und ins rechte Licht gerückt, wirken seine Kunden nicht nur schlanker und jünger, sondern auch mondäner und erotischer, wie der Fotograf versichert. Klein, der zwischen seinen Studios in Wiesbaden und Kaiserslautern hin und her pendelt, macht aus jeder Frau und jedem Mann ein Model. Knapp eine Stunde dauert die Verwandlung, an der maßgeblich eine Visagistin beteiligt ist. Zunächst seien zu seinen "Beauty-Sessions" fast nur junge Frauen gekommen, erzählt der Vierzigjährige. Frauen, die sich Hoffnungen auf eine große Karriere machten, und das vielleicht auch, weil der Mann, dem sie sich anvertrauten, damals noch selbst eine Modelagentur hatte und Modenschauen organisierte. Tatsächlich entstanden seither viele Setkarten, und einige vielversprechende Talente aus dem Hause "t.w. klein" gehen heute über Laufstege oder posieren für Kaufhauskataloge. Doch nicht nur der Fotograf ist älter geworden, auch das Durchschnittsalter seiner Kunden ist gestiegen und liegt nun bei "über 30". Der überwiegende Teil - etwa 70 Prozent - sind nach wie vor Frauen, die sich allerdings meist für Männer fotografieren lassen. Die Ausnahme dieser Regel seien Damen, sagt Klein, die auf die 70 zugingen: Sie begründeten ihr kurzzeitiges Model-Dasein meist damit, daß sie bei ihren Kindern und Enkeln in guter Erinnerung bleiben wollten.

Ein Verschönerungstermin bei Klein beginnt vor dem eigenen Kleiderschrank. Das "Outfit" muß jeder selbst mitbringen. In ihren Sachen fühlen sich die meisten einfach wohler. Oft seien die Abzubildenden aber so unsicher, daß sie ihm vier bis fünf Variationsmöglichkeiten zur Begutachtung vorlegten, erzählt Klein. Zusätzlich hätten Frauen oft noch ihre beste Freundin dabei. Die schwarzhaarige Kundin, die sich an diesem Tag zu einer von insgesamt drei "Beauty-Sessions" angemeldet hat, kommt ohne Begleitung. Und verstößt gegen eine eiserne Regel des Busineß: Ein Model erscheint ungeschminkt bei der Visagistin. So muß die Farbe erst mal runter, und bevor neue wieder aufgetragen werden kann, will der Fotograf wissen, was sich die Frau denn so vorstellt. Schöner möchte sie werden, im Gesicht ein wenig schlanker wirken, und mehr als Kopf und Schultern sollten auch nicht zu sehen sein (der Fotograf lichtet auf Wunsch auch den ganzen Körper mit oder ohne "Outfit" ab). Die Enddreißigerin trägt Jeans und T-Shirt, hat aber verschiedene Oberteile mitgebracht: ein schwarzes mit Silberfäden, ein schwarzes mit Pailletten, ein schwarzes schulterfreies mit Spaghettiträgern. Die Entscheidung, welches sie letztlich tragen soll, muß ihr der Fotograf abnehmen. Zunächst aber wird Schicht für Schicht Make-up aufgetragen, so viel, bis die Kundin anfängt, sich unwohl zu fühlen. Das sei ja noch wenig, sagt die Visagistin. Für ein Schwarzweißfoto müßte sie noch viel mehr Schminke auftragen.

Das Verschönerungshandwerk hat auch der gebürtige Pfälzer Klein gelernt. Später arbeitete er als Model, ließ Models für sich arbeiten und griff schließlich selbst zur Kamera. Als Visagist und Fotograf in einem hatte er offenbar mehr zu bieten als andere. Bald schon traten die ersten Prominenten vor seine Linse, wie der Fußballer Miroslav Klose und der Schauspieler Heiner Lauterbach. Seine Bilder wurden zu CD-Covers, Autogrammkarten - und Kalendern: Aus wohltätigem Grund (zugunsten der Stiftung "Hilfe für Helfer") entblätterten sich im vergangenen Jahr zwölf deutsche Feuerwehrmänner vor dem Fotografen, und auch für 2004 gibt es wieder ein Dutzend Mannsbilder für die Wand aus dem Hause "t.w. klein".

Im Wiesbadener Studio muß sich die Kundin im Sitzen beugen. Sie versucht, in die Kamera zu lächeln und mit den Händen ihre Schuhe zu erreichen. Je mehr sie sich dabei streckt und dehnt, desto länger wird auch ihr Hals; die sogenannten Quetschfalten verschwinden, die Schulterknochen treten leicht hervor. Auf Anweisung ändert sie wieder und wieder ihre Position. So entsteht eine Zehnerserie, die alles in allem 190 Euro kostet. Am Ende bekommt die Frau eine CD mit den Original- Bilddaten und zusätzlich noch zehn Abzüge. Beim ersten Blick auf die Fotos findet sich die Frau ein wenig zu alt, unglücklich wirkt sie aber nicht. Klein hat sein Versprechen mal wieder eingelöst. Viel schöner kann er einen Menschen in nur zwei Stunden nicht machen. Allerdings haben seine Kunden, wenn sie aufgepaßt haben, auch etwas gelernt und können fortan mit ein paar Tricks aus der Schminkkiste selbst einige Mängel beheben: zum Beispiel die Nase verkleinern, Augen und Lippen vergrößern. Vielleicht reicht es ja für eine Gehaltserhöhung oder bessere Schulnoten. Denn nach amerikanischen Untersuchungen verdienen schöne Frauen nicht nur im Durchschnitt vier Prozent mehr als ihre Kolleginnen: Lehrer zum Beispiel (natürlich Männer) halten gutaussehende Schülerinnen auch für intelligenter!
 
 

 
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